Das war der 04. Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz 2009

7. Oktober 2009 in Ransbach-Baumbach

4. Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz 2009

Partizipation als Qualitätsmerkmal guter Schulen

Im Foyer der Stadthalle Ransbach-Baumbach führt eine erboste Schülerin einen lautstarken Wortwechsel mit einem aufgebrachten Lehrer: Sie hatte sich soeben eine Zigarette angezündet und den Lehrer, während er sie deswegen zurechtwies, mit ihrem Handy gefilmt. Der Tumult ist groß und die anwesenden Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Bildungspolitiker und Multiplikatoren sind ungewollt Augenzeugen einer unangenehmen Szene. Die Stimmung wirkt gedrückt: So hatte man sich den Beginn des 4. Demokratie-Tages Rheinland-Pfalz am 07. Oktober 2009 in Ransbach-Baumbach nicht vorgestellt.

Unerwartet löst sich die Anspannung: Diese Schülerin gibt sich als Schauspielerin des Improvisationstheaters „Setzen 6!“ zu erkennen und bittet die Gäste zur Begrüßungsveranstaltung in den großen Saal der Stadthalle in der Westerwald-Stadt Ransbach-Baumbach. Fleißige Schülerinnen und Schüler der gastgebenden Erich Kästner Realschule Plus (EKS) haben ihn mit bemalten gelben Bannern dekoriert und dort mehrere, über zwei Meter große Skulpturen aufgestellt, die symbolisch den Bundestag, das Rechts- und Finanzsystem und das Grundgesetz tragen.

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    Neben der künstlerischen meisterte die EKS auch die organisatorische und logistische Vorbereitung tadellos. Selbst die Aufteilung auf zwei Tagungsorte funktionierte ohne Probleme: Die Schule selbst wurde für die Foren und den Markt der Möglichkeiten genutzt, während in der Stadthalle das Rahmenprogramm stattfand. Ohne die tatkräftige Unterstützung des Kollegiums, der Verwaltung und der Organisatoren sowie der Beteiligung vieler engagierter Schülerinnen und Schüler wäre dies sicher nicht möglich gewesen. Ein Schüler berichtete: „In der Kunst-Literatur (KL) Gruppe haben wir uns ausgedacht, die Besucher mit Demokratie-Bauchläden zu empfangen. Außerdem haben wir Kisten mit verschiedenen positiven und negativen Begriffen wie beispielsweise Zensur und Gerechtigkeit bemalt, um Denkanstöße zum Thema Demokratie buchstäblich in den Raum zu werfen.“

    Gerhard Leisenheimer, Schulleiter der EKS, und Michael Merz, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ransbach-Baumbach, eröffneten den Demokratie-Tag. In ihrer gemeinsamen Begrüßung erläuterten sie, warum sie es auf sich genommen haben, den Demokratie-Tag auszurichten: „Demokratie ist eine anstrengende, aber gesellschaftlich lohnende Aufgabe. Die Partizipation von Schülerinnen und Schülern ist ein sinnvolles und notwendiges Training, um früh die Eckpfeiler demokratischen Handelns lernen und anwenden zu können.“

    Hans Berkessel von der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe), Landesbüro Rheinland-Pfalz und Sonja Student von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Rheinland-Pfalz appellierten direkt an die Anwesenden: „Man muss sich ernst genommen fühlen, wo man lernt und arbeitet“. Das Motto des diesjährigen Demokratie-Tages „Mitgestalten und Mitverantworten: Partizipation als Qualitätsmerkmal guter Schulen“ soll deutlich machen, dass „alle Schulen Demokratie lernen und leben müssen“, und „die Demokratiepädagogik kein Nischenthema sein darf“. Student und Berkessel repräsentierten die Organisatoren und Partner der Veranstaltung: Neben der DeGeDe und der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ waren auch die Leitstelle Bürgergesellschaft und Ehrenamt der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, die Koordinierungsstelle „Demokratie lernen und leben“ im Pädagogischen Zentrum und das Institut für Lehrerfort- und weiterbildung (ILF) starke Partner. Berkessel sprach ein großes Dankeschön an das „breite, in den Jahren gewachsene Bündnis“ der weiteren beteiligten Partner aus, das den Demokratie-Tag zum vierten Mal ermöglicht hat und zu dem die drei Fachverbände der gemeinschaftskundlichen Fächer ebenso gehören wie die Landeszentrale für politische Bildung, die GEW, der Grundschulverband, die LandesschülerInnenvertretung und der Landeselternbeirat.

    Dr. Josef Peter Mertes, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), betonte in seinem Grußwort im Namen der Landesregierung, wie wichtig die Vernetzung von zahlreichen Partnern im Bildungsbereich ist, um die Demokratieerziehung voran zu bringen. „„Demokratie-Erziehung ist keine Kuschelpädagogik, sie ist eine zentrale Aufgabe von Schule und so bereits im Paragraphen 1 des Schulgesetzes verankert. Ich bin überzeugt davon, dass mit der demokratischen Entwicklung einer Schule eine veränderte Kultur des Miteinander aller an Schule Beteiligten, Öffnung von Schule und höhere Lernmotivation einhergehen. Insofern leistet Demokratieerziehung einen guten Beitrag zu schulischer Qualität.“ Eine szenische Präsentation von Schülerinnen und Schülern der EKS verbildlichte einen weiteren Aspekt, der Mertes sehr wichtig war: In „Ich bin die Demokratie“ wurde dargestellt, wie Gleichgültigkeit, Ignoranz, soziale Ungerechtigkeit, mediale Dummheit und Bequemlichkeit die Gegenwart und Zukunft der Demokratie bedrohen und wir alle deswegen jeden Tag gegen diese „Störfaktoren“ ankämpfen müssen. Dazu gehört auch, noch mehr Schulen von den Vorteilen der Demokratieerziehung zu überzeugen: „Die Basis der an Demokratieerziehung arbeitenden Schulen könnte wesentlich größer sein.“

    Professor Dr. Peter Fauser, Erziehungswissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wissenschaftlicher Leiter des Förderprogramms „Demokratisch Handeln“, Mitinitiator und Jury-Mitglied des „Deutschen Schulpreises“ und einer der „Väter“ des BLK-Programms „Demokratie lernen & leben“, bezog sich zu Beginn seines Vortrages auf eine weitere Schülerpräsentation: Den „Demokratie-Rap“. Fauser lobte den Einfallsreichtum der Schüler, musste jedoch einräumen, dass er wiederholt beim Refrain zusammengezuckt war: „Bei uns gibt’s keine Probleme mehr, denn wir haben den Klassenrat, oh yeah“. Ganz so einfach funktioniere Demokratie dann leider doch nicht, deren Wahrung, wie oben erwähnt, unseren ständigen Einsatz erfordert. Eine große Herausforderung für Fauser war, seinen Vortrag „Was sind gute Schulen? Partizipation und Demokratie-Lernen als Qualitätsmerkmale“ für alle Anwesenden im Saal interessant zu gestalten. Dem „treuen Wegbegleiter der Demokratiepädagogik“, wie Hans Berkessel ihn einführte, gelang dies: „Ich hatte kein Problem, Peter Fauser zu folgen. Er ist ein guter Redner und hat nicht nur viele Praxisbeispiele einbezogen, sondern wissenschaftliche Zitate anschaulich erklärt“ stellte ein Schüler der Mittelstufe fest.

    Fauser beantwortete die Frage, ob gute Schulen demokratisch sein müssen, mit einem klaren „Ja“. Da es in der heutigen Gesellschaft keine Regelung aus der Mitte geben kann, muss es eine multizentrische Steuerung geben, auch auf schulischer Ebene. Damit Demokratie funktioniert, müssen Schüler schon früh weitgehende Kompetenzen erwerben. Als Kernkompetenz hob Fauser die Fähigkeit hervor, intelligentes Wissen mit intelligentem Handeln zu vereinen.

    „Welches Lernen führt zu dieser Fähigkeit?“ war die nächste Frage auf der Agenda. Fauser plädierte für ein „verständnisintensives Lernen“, bei dem die Lehrer auf die Denkweise der Schüler eingehen und sie da abholen sollten, wo sie gedanklich gerade stehen. Dieses Vorgehen schließt ein, Schüler nicht zu korrigieren und ihnen die „korrekte Antwort“ zu diktieren, sondern die Gedanken der Schüler gemeinsam weiterzudenken. „Immer dann, wenn wir eine Antwort als vermeintlich falsch abtun, vergeben wir die große Chance, den Gedankengang, der zu dieser Antwort geführt hat, für den Lernprozess zu nutzen.“ Das so verstandene „verständnisintensive Lernen“ wird beispielsweise in Schülerprojekten offensichtlich: Eine Gruppe von Schülern entwickelte etwa ein topographisches Vergleichsmodell, anhand dessen sie sich selbst die Unterschiede zwischen regulierter Flussführung und deregulierter Auenlandschaft erschloss.

    Der Verstehensprozess, auf dem letztlich eine funktionierende Demokratie beruht, setzt wechselseitige Anerkennung der Beteiligten voraus, mit dem Ziel, sich als gleichwertige Partner zu verständigen. Um Schülern dieses Denken nahe zu bringen, müsse Schule nicht nur als Teil des Gemeinwesens gesehen werden, sondern auch die Verantwortung für Schule von allen Beteiligten gemeinsam getragen werden.

    Nach Fausers Vortag wurde in zehn parallelen Foren über verschiedene Aspekte des Themenfeldes „Demokratieerziehung und Partizipation“ diskutiert: „Schülerbeteiligung konkret“; „Was für Schulen! Preisträger des Deutschen Schulpreises 2008“; „Feedback-Kultur als Teil des Schulprogramms“; „Wir bestimmen mit! Beteiligungsprojekte mit Kindern und Jugendlichen in der Kommune“; „Kinderrechte in Schule und Kommune“; „Partizipation in Peergroup-Projekten an Schulen“; „Rechtsextremismus und Gewaltprävention“; „Wir tun was! Initiative für Ehrenamt und Bürgerengagement“; „Demokratie-Lernen und politische Bildung“; „Schulleitung an partizipationsorientierten Schulen“. Dabei standen Erfahrungsaustausch und Vernetzung im Vordergrund und die Absicht, in der Programmgestaltung die Ziele des Demokratie-Tags bereits teilweise umzusetzen: Wo immer es möglich war, wurden deshalb auch Schülerinnen und Schüler als Referenten eingebunden. „Ich bin Referent im Klassenratsworkshop“, berichtete ein 15-jähriger Schüler der EKS stolz, „und wir werden den Teilnehmern erklären, wie die Arbeit der Klassenräte bei uns an der Schule funktioniert“. Alle Foren wurden von je einem Erwachsenen und je einer Schülerin oder einem Schüler der LandesschülerInnenvertretung gemeinsam moderiert. „So möchten wir sicherstellen“, so Sonja Student, „dass auch die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler in den Foren zu Wort kommen und sich gleichberechtigt an der Diskussion beteiligen können.“

    Auch beim „Markt der Möglichkeiten“ trafen sich „Informationshungrige“ an den Ständen der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, der DeGeDe, der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Rheinland-Pfalz und weiterer Partner. Bei der Serviceagentur fand vor allem der Film über den Klassenrat an der EKS reißenden Absatz.

    Das kulturelle Rahmenprogramm war sehr vielseitig gestaltet. Im Schwarzlichttheater der EKS konnten sich die Teilnehmer an interessanten Lichteffekten und Wortspielen zur Demokratie erfreuen. Der Demokratie-Tag 2009 wurde vom Improvisationstheater „Setzen 6“ des Carl-Bosch-Gymnasiums Ludwigshafen abgerundet: Die Urheber des „Skandals“ zu Beginn der Veranstaltung nahmen Impressionen aus den verschiedenen Foren auf und bewiesen in zahlreichen improvisierten, sehr unterhaltsamen Szenen ihre Kompetenz, intelligentes Wissen mit intelligentem Handeln zu vereinbaren.

    Obwohl weniger Interessierte als sonst den weiten Weg auf sich genommen haben, so zeigte die eindrucksvolle Veranstaltung doch, dass sich der Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz inzwischen als feste Größe im Jahreskalender reformpädagogischer Veranstaltungen  etabliert hat.

Grußwort des Ministerpräsidenten zum 4. Demokratie-Tag
  • Grußwort des Ministerpräsidenten Kurt Beck

    Schulen, die sich facherübergreifend um das Lernen und Erleben von Demokratie bemühen und ihren Schülerinnen und Schülern in beson- derer Weise Gelegenheit zu Mitbestimmung und Mitverantwortung geben, zeichnen sich häufig auch durch hervorragende Leistungen aus. Dies belegen nicht zuletzt die Ergebnisse des Deutschen Schul- preises, unter dessen Preisträgern in den letzten Jahren immer wie- der Schulen zu finden sind, die eine besondere Partizipationskultur ptlegen. Insotern ist es tolgerichtig, wenn die Veranstalter des dies- jährigen Demokratie-Tages der Frage nackgehen, was ..gute Schulen" ausmacht, und dabei Schüler-, Lehrer- und Elternbeteiligung als Qualitätsmerkmal ins Zentrum der Veranstaltung rücken.
    Vor diesem Hintergrund übernehme ich auch in diesem Jahr gern wie- der die Schirmherrschaft für den nunmehr vierten , Demokratie-Tag Rheinland-Pfalz" 2009. Ich danke allen Pädagoginnen und Pädagogen, allen Schülerinnen und Schülern, allen Eltern und außerschulischen Partnern, die an der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung beteiligt sind.
    Ich wünsche dem vierten Demokratie-Tag als Forum des Austauschs und der Motivation zum bürgerschaftlichen Engagement junger Menschen ein gutes Gelingen und lade Sie alle hierzu ganz herzlich ein.

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