Prof. Dr. Silvia-Iris Beutel, TU Dortmund

Eine neue und zeitgemäße schulische Lernkultur kann ohne demokratiepädagogische Fundierung nicht auskommen, so die Ausgangsthese des Vortrags. Dafür sprechen eine Fülle an Indikatoren und Entwicklungen: Eine angemessene und würdigende Akzeptanz von Individualität und Verschiedenheit der Kinder und Jugendlichen; die konstruktive Lernarbeit mit ihren biographischen, sozialen und kulturellen Erfahrungen; die Bedeutung von Schulen und Bildungsangeboten als Standortqualität zentrealer und dezentraler Lebensräume; die Herausforderung inklusiven Lernens und die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention; die bis heute ungelöste und entsolidarisierend wirkende Problematik der zu hohen unqualifizierten Schulabgängerquote; die Förderung von Selbstkonzepten, die auf Selbstständigkeit und Handlungskompetenz zielen; das Wissen um den Zusammenhang von guter Schulleistung und Anerkennung; der produktive, toleranzförderliche Umgang mit dem politischen Einigungsprozess in Europa und mit der Globalisierung sowie nicht zuletzt die Notwendigkeit einer handlungsförderlichen und toleranzstärkenden Erziehung zur bürgergesellschaftlichen Teilhabe, die sich gegen das Gift rechtspopulistischer Entfremdung Jugendlicher und junger Erwachsener von demokratischer Politik wendet. Das sind nur einige der Faktoren, die verdeutlichen, dass eine Steigerung von Schul- und Lernqualität ohne demokratiepädagogische Fundierung mittelfristig nicht zu haben ist.

Es geht darum, bei den Schülerinnen und Schülern ein verantwortliches und für die eigene Lebensplanung bedeutsames Lernen anzuregen, ihnen vielfältige Lernfelder zu erschließen und eine individuelle Lernplanung zu ermöglichen. In einem solchen Verständnis bildet sich Lernen nicht mehr allein als Ergebnis curricularer Vorgaben und als Prozess kognitiver Auseinandersetzung mit letztlich statischen Wissensbeständen und fachlicher Kanonbildung ab, sondern in einem kompetenzorientierten Konzept des Verstehens und aktiven Erfahrungslernens, dass sich auf eine differenzierte Lernumgebung und Didaktik sowie eine der Förderung zugewandte Lernbegleitung stützen können muss. Zugleich müssen sich Schulen als kommunikative Mittelpunke von Gemeinde und Bürgerschaft verstehen, in denen die Herausforderungen der Gegenwart ihren Platz haben. Schule ist in dieser Perspektive längst nicht mehr nur Lern- und Unterrichtsanstalt, sie ist auch ein Ort politisch bildender Wirkung: Als Teil der demokratischen Gesellschaft ist sie ein Angebots-, Kommunikations- und Bewährungsraum für ein demokratiehaltiges Lernen Heranwachsender. Ob in Projekten, in fächerübergreifenden und jahrgangsgemischten Kontexten, in Arbeitsgemeinschaften oder in Schul-, Stufen- und Klassenparlamenten – stets sind Gestaltungsaufgaben gegenwärtig, die Willensbildung und Selbstwirksamkeit herausfordern, an denen Formen der Beteiligung im öffentlichen Raum von Politik und Medien erprobt werden können. Wichtig wird dann, dass Lehrer- und Schülerschaft im Umgang miteinander wechselseitigen Wissenskonstruktionen Respekt, sprachliche Sorgfalt, Zeit, aber auch einen angemessenen und flexiblen Rahmen stetiger Veränderung gewähren. 

An Beispielen von Best-Practice aus dem Fundus des Deutschen Schulpreises wird nach Möglichkeiten einer demokratiepädagogisch profilierten Lernkultur gefragt. Dabei wird deutlich: Wenn die Kinder und Jugendlichen den Mittelpunkt des Lernens bilden, können Kompetenzerfahrung, ein nachhaltiges Lernen und Zuversicht in die eigene Handlungsstärke entstehen! 

Dr. phil., habil. Silvia-Iris Beutel ist Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik mit dem Schwerpunkt Lehr-/Lernprozesse und empirische Unterrichtsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Übergänge im Bildungswesen, Reformschulen, gute Schulen in Deutschland, Individualisierung und Differenzierung, partizipative Leistungsbeurteilung und Demokratiepädagogik. Sie ist Mitglied im Expertenkreis des Deutschen Schulpreises, in der Jury des Förderprogramms Demokratisch Handeln und – zusammen mit Dr. Jan von der Gathen, (Schulministerium NRW) – Projektleiterin für das Regionalteam West des DSP, das die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland betreut.